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Inklusion statistisch?

Eine Fassade nach Außen, die die Kollegien an den Schulen tragen sollen.
Jörg Addicks (Mitarbeit: Nicole Feindura, Edda Paulick, Peter Schumacher)

Die Umsetzung der Inklusion stellt die Kolleginnen und Kollegen vor eine anspruchsvolle sowie ambitionierte Aufgabe. Sie stellen sich dieser Aufgabe im Bewusstsein, dass alle Menschen – ob mit oder ohne Einschränkungen – ein Recht auf Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Erst in der täglichen Arbeit stellt sich jedoch heraus, wie die theoretischen Überlegungen, welche die Rahmenbedingungen für Inklusion darstellen, sich im tatsächlichen praktischen Alltag an den Schulen vor Ort abbilden. Diese Bedingungen scheinen allerdings nur aus statistischer Sicht gerecht zu sein, berichten Kollegen und Kolleginnen der KGS Stuhr-Brinkum.

 

Um eine konstruktive Auseinandersetzung mit diesen Ergebnissen zu initiieren, haben wir auf der Basis der gesammelten Erfahrungen sowie einer Personalversammlung mit dem Schwerpunktthema 'Inklusion' folgende Forderungen formuliert, die die Kollegien vor Ort als essentiell für ein Gelingen der Inklusion ansehen.

Wir wollen, dass die Inklusion so umgesetzt wird, dass die Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf die benötigten und schülerbezogenen Förderstunden in vollem Umfang zugewiesen bekommen.

Dieses ist z.Z. nicht der Fall. Nach dem Erlass zur Klassenbildung gehen auch diese Stunden in die Gesamtversorgung der Schule ein. Bei einer Unterversorgung werden sie entsprechend gekürzt oder – im Extremfall – auch komplett für das Pflichtangebot nach Stundentafel verwendet werden, obwohl sie als Zusatzbedarf deklariert sind! Es stellt sich die Frage, warum diese Stunden nicht unabhängig von der Gesamtversorgung für den Unterricht für Förderschüler/-innen zur Verfügung stehen.

Dabei ist die Versorgung durch Förderschullehrkräfte noch gar nicht berücksichtigt. In einigen Gebieten Niedersachsens sind Förderschullehrkräfte momentan Mangelware. Dies liegt auch daran, dass die Landesregierung trotz der bekannten Herausforderungen, die die pädagogisch tragbare Umsetzung der Inklusion mit sich bringt, viele Studiengänge Förderpädagogik geschlossen hat. Somit kann es sein, dass Kollegien alleinverantwortlich - ohne kompetente Fachkräfte - die Inklusion zusätzlich leisten müssen. Grundsätzlich stehen Förderschullehrkräfte sowieso nur stundenweise zur Verfügung. Sie sollen ja auch keinen Unterricht erteilen, sondern die Lehrkräfte vor Ort beraten. Man kann schnell zu dem Schluss kommen, dass das Kultusministerium gar nicht vor hatte eine qualifizierte Umsetzung der Inklusion durchzuführen, sondern sie – wie immer – den Lehrkräften zu überlassen. Also eine versteckte Sparmaßnahme im Bildungsbereich und somit zusätzliche Arbeit für die Lehrkräfte vor Ort.

Die Förderschulehrkräfte werden zu Reisenden zwischen den Schulen. Ohne feste Verankerung in einem Kollegium können sie somit kaum zu tragbaren Förderkonzepten in den Schulen kommen, da kompetente Ansprechpartner nicht kontinuierlich an der Schule sind und die speziellen Bedingungen vor Ort nicht kennen sowie die Entwicklung der Förderschüler auch nicht miterleben können.

Inklusion kann nur mit einer guten Ressourcenausstattung gelingen, die für alle Beteiligten einen äußeren Rahmen bietet, der ein Lernumfeld schafft, das für die SuS eine angemessene pädagogische Betreuung beinhaltet und für die Lehrkräfte keine weitere Mehrbelastung bedeutet.

Dazu bedarf es u.a.

- einer möglichst weitgehenden Doppelbesetzung, auch mit Förderlehrkräften
- permanenter intensiver Fachberatung durch feste Förderschullehrkräfte an den Schulen
- konkreterer Fortbildungsmaßnahmen über die allgemeinen grundlegenden Fortbildungsveranstaltungen der Kompetenzzentren hinaus
- feste, vergütete Zeiten für Teamabsprachen
- Möglichkeiten zum Auffangen von extremen Störsituationen durch SuS mit emotional-sozialem Förderbedarf (z.B. mobiler Dienst E/S)

Inklusion, die weitgehend durch noch mehr zusätzliche Arbeit der beteiligten und i.d.R. dafür nicht ausgebildeten Lehrkräfte realisiert werden soll, kann auf Dauer nicht gelingen. Deswegen ist die Landesregierung und im Besonderen Frau Heiligenstadt in der Bringschuld, die Bedingungen für inklusive Bildung dahingehend zu verbessern, dass sie eine realistische Chance hat und nicht nur ein Posten in der Statistik ist. Hier geht es um Menschen und nicht um Zahlen!